Erdbeben auf Haiti: Gewalt, Flüchtlinge und Plünderer

Die Zustände im Erdbebengebiet von Haiti sind immer noch chaotisch. Hilfe kommt nun an, doch noch lange werden nicht alle hilfbedürftigen Menschen erreicht. Zunächst wollen Hilfskräfte gemeinsam die Räumung der Straßen von Schutt und Leichen organisieren, damit die Hilfe vom Flughafen aus tatsächlich zu den Menschen gebracht werden kann.

So lange versucht zu flüchten, wer flüchten kann. Doch das Nachbarland Dominikanische Republik hat seine Grenzen für das haitische Volk gänzlich geschlossen.

Die Zurückgebliebenen, Überlebenden versuchen zu überleben so gut es geht. Plündern ist das Gebot des Tages, Gewalt greift um sich, Streit um verbliebenes Wasser und Nahrung.

Größtes Problem: Es gibt keine Organisation im gigantischen Chaos, der Staat versagt völlig. Die Menschen sind total orientierungslos, wollen nur weg aus dieser Hölle.

Tausende Menschen haben seit dem Jahrhundert-Erdbeben der Stärke 7,0 am Dienstag Port-au-Prince verlassen. Wer Verwandte auf dem Land hat, kommt bei denen unter, andere fahren einfach los, sobald sie einen Platz in den überfüllten Bussen ergattern. Dies Busse sind unterdessen einfach nur mit Menschen vollgequetscht. Es passt oft kein Strohalm mehr hinnein. Die Fahrkarten kosten das doppelte wie früher.

Wer in der Horror-Stadt Port-au-Prince bleibt, kämpft oft völlig allein ums nackte Überleben. Die Gewalt- und Kriminalitätsbereitschaft steigt, die Menschen plündern und stehlen, was sie in die Finger bekommen. Im Armenviertel Marché en Fer graben die Menschen in den Trümmern der Häuser nach Gütern und Lebensmitteln.  Sie nehmen, was sie finden können. Eigentumsgefühl gibt es nur für das Individuum selbst.

Die immer noch überall herumliegenden Leichen, stören schon niemanden mehr.

Da wird eine eingestürzte Apotheke geplündert. Mehrere Jugendliche stehen Wache. „Polizei! Polizei!“, schreien sie, als zwei bewaffnete Beamte herbeieilen. Einer von ihnen ist Hernsony Orjeat. Bei dem Beben verlor der 36-Jährige seine Frau und ist nun einer der wenigen Polizisten, die versuchen, das Chaos zu bändigen. Orjeat schlägt einen der Plünderer zu Boden, der einen Karton Seife gestohlen hat. „Dafür willst du sterben?“, fragt er den Mann, der für seine Beute in einsturzgefährdeten Gebäuden gewühlt hat. Die meisten sind nur auf der Suche nach Essen, doch auch Elektroartikel, Schirme oder Ventilatoren werden mitgenommen. Wer Lebensmittel stiehlt, wird laufengelassen.

Auch die Gewalt unter rivalisierenden Plünderern nimmt zu. Ein Mann hat eine Packung Cornflakes ergattert und wird flugs von einem Dutzend Menschen umringt, die sie ihm aus den Händen reißen. Ein Mann fängt an, einen anderen zu würgen, um an eine Konservendose zu kommen.

Einige haben sich schon Äxte aus Holz gebaut, um für den Kampf ums Überleben besser gerüstet zu sein. Die Hoffnungslosigkeit steht Orjeat ins Gesicht geschrieben. „Wir müssten eigentlich zusammenhalten, um diese schreckliche Tragödie zu überwinden“, sagt er. „Doch es gibt einfach keine Solidarität in diesem Land.“

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